Das Gespenstlein von Riedt und die weisse Blume
- thomasvonriedt
- 25. Nov.
- 7 Min. Lesezeit

zum Vorlesen
Wenn du heute im Neeracher Ried spazieren gehst, siehst du Wiesen, Schilf, Wasser und eine Betonstraße, die nach der Abzweigung Riedt eine S-Kurve macht und dann gerade zum Rondell führt.
Nichts Besonderes, denkst du vielleicht.
Doch vor sehr, sehr langer Zeit stand genau dort eine Burg.
Eine richtige Ritterburg mit Mauern, Türmen und einem tiefen Keller.
In dieser Burg wohnte der Burgherr von Riedt.
Der geizige Burgherr
Der Burgherr war fleißig. Er arbeitete auf seinen Feldern, reparierte Zäune, kümmerte sich um den Hof. Darauf war er stolz.
Aber er hatte eine große Schwäche:
Er liebte Geld.
Gold- und Silbermünzen waren für ihn wie kleine Sonnen und Monde.
Jedes Jahr im Oktober brachten die Bauern ihre Abgaben zur Burg.
Dann trug der Burgherr die schweren Beutel hinunter in den Keller. Dort stand eine große, eisenbeschlagene Truhe mit einem dicken Schloss. Die Truhe stand noch hinter einer Gittertür – als wäre der Schatz ein gefährliches Tier.
Seine liebste Beschäftigung war:
Münzen zählen.
„Eins, zwei, drei… „Hundert, zweihundert …“, murmelte er und ließ die Münzen durch seine Finger rinnen.
Wenn das Gold im Kerzenlicht glänzte, wurde ihm warm ums Herz. Draußen schien die Sonne – aber er merkte es kaum.
Die Jahre vergingen.
Das Haar wurde weiß wie Schnee.
Der Bart wurde lang wie ein Besen.
Sein Gesicht wurde blass wie Mondlicht, denn er war fast immer im Keller.
Die verschlossene Gittertür
Eines Tages saß der Burgherr wieder bei seiner geliebten Truhe.
Er zählte. Zum hundertsten, tausendsten, vielleicht zehntausendsten Mal.
Da passierte es: KLAACK!
Die schwere Gittertür hinter ihm fiel ins Schloss.
Der Burgherr fuhr zusammen. Er tastete nach seiner Tasche.
Kein Schlüssel.
Er suchte auf den Stufen, im Staub, zwischen den Steinen. Nichts.
Der Schlüssel war verloren.
Zuerst bekam er Angst.
Dann sah er seine Truhe an und murmelte:
„Ach, was soll’s. Ich habe doch meine Goldkinder. Irgendwann wird schon jemand nach mir sehen.“
Aber niemand kam.
Die Wochen wurden zu Monaten, die Monate zu Jahren, die Jahre zu Jahrhunderten.
Oben verfiel die Burg. Mauern stürzten ein, der Wehrgang brach zusammen, der Wind pfiff durch die Fensterlöcher. Die Bauern holten sich Steine für ihre Häuser.
Nur eine Sage blieb:
Irgendwo im Neeracher Ried liege eine Truhe voller Gold.
Und in den Kneipen erzählte man sich:
Auf dem alten Burggelände spuke ein Gespenst.
Der Mann mit dem schwarzen Hut
Viele lachten über diese Geschichten.
Aber eines Abends hörte ein fremder Gast sehr genau zu.
Er trug einen schwarzen Hut und wirkte unauffällig. In seiner Heimat kannte man ihn als Faulenzer. Ehrliche Arbeit mochte er nicht besonders.
Als er von der Truhe im Keller hörte, leuchteten seine Augen.
„So eine Kiste Gold wäre genau das Richtige“, dachte er. „Dann müsste ich nie mehr arbeiten.“
Er stellte sich vor, wie die alten Münzen klimpern würden. Er stellte sich vor, wie er reich in einem fernen Land leben könnte.
Und noch in derselben Woche suchte er sich eine Gruppe von Dieben und Taugenichtsen.
„In der Burgruine liegt ein Schatz“, sagte er. „Wir holen ihn uns. Von Gespenstern lasse ich mir nicht die Laune verderben.“
Das Gespenstlein im Ried
Was der Mann mit dem schwarzen Hut nicht wusste:
Es gab ein Gespenst.
Es war das Gespenstlein von Riedt.
Hell wie Nebel und trug ein weiches, wallendes Gewand.
Es kannte weder Hunger noch Durst.
Und es liebte – natürlich – Gold. Sein Gold.
Manchmal schwebte es nachts durch die Ruine, hinauf und hinunter, über Treppen, durch Mauern. Und wenn es ihm langweilig wurde, ging das Gespenstlein in den Keller, öffnete die Truhe, ließ Goldstücke über sich rieseln und kicherte, wenn die Münzen auf seinem Bauch kitzelten.
An manchen Nächten dachte es kurz an sein früheres Leben als Burgherr.
Dann seufzte es.
„So allein mit seinem Gold zu sein, ist gar nicht so schön“, flüsterte es manchmal.
Aber dann lenkte es sich mit Münzzählen ab.
Der Einbruch
An einem klaren, mondhellen Abend trafen sich der Mann mit dem schwarzen Hut und seine Kumpane nicht weit von der Ruine. Eine Eule rief, der Wind pfiff durch die Birken, und das Ried lag still da.
„Hört zu“, flüsterte der Anführer. „Wir gehen hinein, suchen den tiefsten Keller und holen die Truhe. Gespenster gibt es nur in Märchen.“
„Ich habe gehört, es spukt dort wirklich“, murmelte einer.
Die anderen lachten. „Dann bleib halt bei deiner Mutter!“
Sie überprüften Taschenlampen und Werkzeug, schlüpften durch ein rostiges Gittertor und stiegen in die Dunkelheit hinunter.
Die Gänge waren feucht.
Es roch nach Moder und kalten Steinen.
Fledermäuse flatterten auf, Mäuse huschten davon.
„Lasst euch nicht einschüchtern“, zischte der Mann mit dem schwarzen Hut. „Schätze versteckt man dort, wo die Mauern am dicksten sind.“
Sie kletterten tiefer und tiefer.
Die Treppenstufen waren rutschig, Steine locker. An einer Stelle war die Decke eingestürzt, aber sie räumten die Brocken beiseite und zwängten sich durch eine Lücke.
Und dahinter sahen sie:
Eine alte, rostige Gittertür.
„Wir sind da“, flüsterte einer ehrfürchtig.
Der Taschenträger holte seine Dietriche hervor.
Klick, klack – die Tür sprang auf.
„Ein Kinderspiel“, grinste er.
Die Schatzkammer
Sie traten in den Kellerraum.
In der Mitte stand eine große Truhe.
Überall lagen Münzen – groß, klein, glänzend, dunkel.
Keiner sagte etwas.
Dann brach es aus ihnen heraus:
„Wir sind reich!“
„Wir reisen nach Brasilien oder Argentinien!“
„Wir kaufen uns ein Haus, ein Boot, alles!“
Der Mann mit dem schwarzen Hut sah nur noch Gold.
Er hörte nicht, wie es leise kling-kling machte.
Er spürte nicht, wie die Luft plötzlich kälter wurde.
Denn das Gespenstlein war ihnen gefolgt.
Oben hatte es aus einem Fenster beobachtet, wie die Diebe auf die Burg kamen.
„Na, na“, murmelte es. „Mein Schatz gehört zur Burg. Den bekommt nicht jeder.“
Es schwebte durch die Gänge – ganz leise – bis direkt hinter die Diebe.
Das große Erschrecken
Zuerst hörten die Diebe nur ein seltsames Geräusch.
Ein Kratzen. Das Klingen. Ein hauchfeines „Huuuh“.
„Habt ihr das gehört?“, flüsterte einer.
Eine Taschenlampe begann zu flackern, dann die nächste. Eine ging ganz aus.
Ein kalter Luftzug strich durch den Raum.
Der Atem der Diebe wurde zu Wölkchen.
Und dann…
…begann sich ein weißer Nebel hinter ihnen zu formen.
Zwei leuchtende Augen tauchten darin auf.
„Huuuuuuh…“, rief das Gespenstlein. Es versuchte, besonders schaurig zu klingen.
(Insgeheim war es ein wenig nervös, denn es hatte seit hundert Jahren niemanden mehr erschreckt.)
„Es ist da!“, schrie einer.
Die Diebe stürzten zur Tür, stolperten übereinander, quetschten sich durch die enge Lücke im Mauerwerk. Einer rief, etwas Kaltes hätte ihn am Bein gepackt. Vielleicht war es nur eine Ratte. Vielleicht auch eine Gespensterhand – wer weiß?
Sie rannten durch die Gänge, die rutschigen Treppen hinauf, immer schneller, immer panischer.
Das Gespenstlein schwebte hinterher, machte ein besonders tiefes „Huuuuh“, zog die Gespensterhände zu Krallen und sah dabei so streng aus, wie es konnte.
Im Burghof angekommen, verloren die Diebe völlig die Orientierung.
Sie wussten nur eins: Weg hier!
Sie rasten über die alte Zugbrücke und flohen ins Dunkel der Nacht – in Richtung Zürich, so schnell sie konnten. Kein einziger von ihnen schaute zurück.
Und seit dieser Nacht, sagt man, trägt jeder von ihnen eine kleine weiße Haarsträhne auf dem Kopf. Man kann sie schneiden, man kann sie färben – sie kommt immer wieder.
Eine Gespenster-Erinnerung.
Das Fest der Geister
In der Burg wurde es wieder still.
Das Gespenstlein atmete tief durch – auch wenn Gespenster eigentlich gar keine Luft brauchen.
„Puh“, murmelte es. „Das war aufregend. Und etwas anstrengend.“
Zur Belohnung schwebte es in den Keller, öffnete die Truhe und ließ sich ein Goldbad ein.
Die Münzen rieselten über seinen Körper wie ein glitzernder Wasserfall.
„Ach, das tut gut“, seufzte es. „Ein bisschen Gespenster-Wellness.“
Am nächsten Abend beschloss es, ein Fest zu feiern.
Es lud die Irrlichter des Neeracher Moors ein – kleine blaue Lichtchen, die nachtsüber im Ried tanzen.
Sie kamen zu Dutzenden, schwebten durch die Mauern und versammelten sich in der großen Halle.
Für eine Nacht sah die Burg wieder aus wie früher:
Kerzen brannten, die Wände wirkten ganz neu, der Boden war trocken.
Das Gespenstlein erzählte, wie die Diebe geflohen waren.
Die Irrlichter lachten so sehr, dass sie flackerten und durcheinander tanzten.
Das Fest dauerte bis in die frühen Morgenstunden.
Dann schwebten die kleinen Lichter zurück ins Ried.
Wer in einer klaren Nacht dort unterwegs ist, kann ihre blauen Flämmchen sehen – und vielleicht denkt er dann an das Fest in der Burgruine.
Die weiße Blume
Viele, viele Jahre später war von der Burg fast nichts mehr zu sehen.
Sie war zu einem Hügel geworden, überwachsen von Sträuchern und Gras.
Ein Burgenforscher kam vorbei und schaute sich um.
Er fand Steine, Schutt – und eine einzige besondere Pflanze: eine seltene, weiße Blume, die sich zwischen den Steinen der Sonne entgegenstreckte.
Er war begeistert, machte Fotos, schrieb alles in sein Notizbuch und ging wieder.
Er konnte nicht wissen, was unter dem Hügel lag.
Denn dort unten war noch immer eine Kammer wie eine schützende Blase.
In ihr schlief das Gespenstlein.
Es hatte ein Bett aus Eichenholz mit feinen Schnitzereien, an der Wand hing sein altes Schwert, und durch einen kleinen Spalt konnte es auf sein Land schauen.
Es schlief ruhig.
Der Schatz war sicher.
Und tief in seinem gespenstigen Herzen wusste es:
Echtes Glück ist nicht das Zählen von Münzen, sondern das Bewachen eines Ortes, den man liebt.
Die weiße Blume auf dem Hügel ist der Schlüssel.
Sie blüht nur an wenigen Tagen im Jahr.
Und wenn sie blüht, ist das Ried oft so nass, dass man kaum hinkommt.
Vielleicht – eines Tages – gehst du dort spazieren.
Vielleicht entdeckst du die weiße Blume.
Womöglich öffnet sich dann ein verborgener Weg nach unten.
Und vielleicht – nur vielleicht – erwacht das Gespenstlein von Riedt wieder.
Diesmal nicht als geiziger Burgherr,
sondern als freundlicher Wächter seiner Burg,
der dir im Goldkeller zuzwinkert und leise sagt:
„Huuuuuh… Keine Angst. Du bist willkommen.“
Wer weiß?










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