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Die Maus

  • thomasvonriedt
  • 28. Nov.
  • 4 Min. Lesezeit
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Eine überraschende Begegnung


Kürzlich kam ich etwas später als gewöhnlich nach Hause. In den Tagen zuvor hatte es geschneit, und durch das plötzliche Tauwetter schmolz der Schnee dahin wie fliehende Zeit. Nur noch wenige weisse Tupfen schmückten die Buchsbäumchen – kleine, letzte Erinnerungen an den Winter, der sich widerwillig zurückzog.

 

Als ich mich dem Haus näherte, erwachte der Bewegungssensor zum Leben, und die drei Aussenleuchten sprangen blitzschnell an. Es wirkte überflüssig – schliesslich gehe ich fast immer durch die Garage ins Haus –, doch immerhin konnten die Nachbarn so sehen, dass ich zurückgekehrt war.

 

Ich stieg aus, verschloss die Türen per Knopfdruck und ging zum Briefkasten. Ich rechnete, wie so oft, mit einem Schwall von Prospekten. Und tatsächlich: ein kleiner Papierberg, der nach Konsum roch. Ich nahm die Werbeblätter in die linke Hand, um später mit der rechten den Garagentor-Code eingeben zu können.

 

Da – ein Laut, so fein, dass man ihn leicht überhören konnte. Ein Zittern in der Luft, wie das Trillern einer rostigen Laubsäge.

Hast du je das Geräusch einer rostigen Laubsäge gehört? Ich auch nicht. Aber anders konnte ich es nicht beschreiben.

 

Ich lauschte erneut – und diesmal folgten Worte.

„Hey, schalte das Licht aus! Sonst werde ich entdeckt!“

 

Ich blieb stehen. Vielleicht hatte ich zu viel getrunken – ein Bier zu viel beim Kollegenabend, das wäre nichts Neues. Unsicher sah ich mich um. Niemand. Nur Dunkelheit, Schnee, Pinienrinde.

 

„Ich meine es ernst! Schalte endlich das Licht aus – ich bin exponiert!“

Ich blinzelte. Eine sprechende Lampe? Unsinn.

 

Doch dann bewegte sich etwas unter den Ästen des Buchsbaums: ein winziger Schatten, eine Bewegung, zwei blitzende Augen. Eine Maus.

 

„Mäuse können nicht sprechen“, dachte ich. „Oder sehe ich gar weisse Mäuse?“ Ich schüttelte den Kopf. Doch sie war nicht weiss, sondern grau-braun – ganz gewöhnlich. Und dennoch ungewöhnlich.

 

Wie schon Shakespeare in Hamlet sagte: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.

 

„Sprichst du mit mir, Kleiner?“ fragte ich schliesslich.

„Ja, das tue ich, Grosser“, antwortete die Maus, erstaunlich selbstbewusst. Sie stellte sich auf ihre Hinterbeine, zwirbelte die Schnurrhaare, zeigte ihre Zähne.

„Ihr Menschen stampft mit euren riesigen Füssen durch die Welt, ohne hinzusehen. Dann wundert ihr euch, wenn euch jemand in Not anspricht.“

 

Ich schwieg. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte mich eine Maus zum Schweigen gebracht.


 

Zahlenspiel


Noch immer überrascht, betrat ich mein Haus. Der Abend verlief wie gewohnt: ein Teller Suppe, ein Glas Wein, ein paar Seiten Jesse Trevellian – New Yorks coolster G-Man. Ich las, bis mir die Augen zufielen.

 

„Hey, du pennst ja!“ kratzte plötzlich eine vertraute Stimme in mein Halbschlafohr.

Ich fuhr auf. „Nein, da täuschst du dich.“ Und da stand sie: dieselbe Maus, nur grösser, fast so gross wie ein Schuh.

 

„Ich war gerade in Jesses Welt gefangen“, erklärte ich. „Er jagt einen Killer, der seine Opfer erwürgt und ihnen dann den Kopf rasiert. Niemand weiss, was er mit den Haaren macht.“

 

„Die Welt der Menschen ist grausam“, sagte die Maus mit leiser, fast melancholischer Stimme. „In meiner Welt gilt die 1:111-Regel. Für jedes Kilogramm Lebendgewicht muss es die 111-fache Menge an Nahrung geben. Ich wiege 20 Gramm, also brauche ich 2,22 Kilo Nahrung um mich herum. Wäre ich ein Eisbär, wären es 33.300 Kilo. Für dich, Grosser, 10.545.“ Sie hob die Pfote. „Und multipliziert man das mit 7,5 Milliarden Menschen, ergibt das fast 791 Milliarden Kilogramm. Kein Wunder, dass die Wälder verschwinden.“

 

Ich musste lächeln – beeindruckt von ihrer Rechenkunst und dem Ernst in ihrer Stimme. „Und stell dir vor“, sagte ich, „die Menschen würden sich ausschliesslich von Mäusen ernähren. Sie bräuchten über 41 Billiarden von euch. So viele gibt es auf der ganzen Welt nicht.“

 

„Vielleicht“, meinte sie, „würde das Gleichgewicht dann schneller kippen. Ihr würdet euch selbst von der Spitze der Nahrungskette stürzen.“

 

Ich nickte. Ihre Logik war bestechend. Und irgendwie traurig.



Der Morgen danach


Am nächsten Morgen wachte ich zerzaust auf, mit Zahlen im Kopf statt Träumen. 41.625.000.000 Mäuse – sie tanzten in meinem Schädel wie in einem albtraumhaften Rechenexempel.

 

Ein starker Kaffee brachte Ordnung ins Chaos. Bald schon verblasste die Erinnerung an das nächtliche Gespräch. Ich arbeitete am PC, bastelte Weihnachtswichtel, dachte über das Festmenü nach.

 

Als ich später das Haus verliess, fiel mein Blick auf den runden Buchsbaum. Dort sass sie wieder: die Maus. Aufrecht, aufmerksam, mit diesem prüfenden Blick über die Schulter, als wolle sie fragen: Erinnerst du dich noch?

 

Ich stieg ins Auto, startete den Motor – und fuhr davon.


 

Begrüssung am Abend


Gegen sieben kam ich zurück. Draussen hing der Nebel tief, grau und schwer. Die Tage waren kurz geworden, das Licht knapp. Zwischen Morgen und Abend blieb kaum Helligkeit. Man konnte trübsinnig werden – oder anfangen, Dinge zu sehen, die es vielleicht gar nicht gab.

 

Ich stellte den Motor ab. Der Sensor reagierte prompt, das Licht sprang an. Drei blendende Kegel im Nebel. „Eigentlich sinnlos“, murmelte ich. Ich schloss das Auto ab und ging zum Briefkasten. Wieder Werbeprospekte, erneut die gleiche Bewegung, das gleiche Ritual.

 

Dann – wieder dieses Kreischen. Wie eine Laubsäge auf Metall.

„Hast du jemals darüber nachgedacht, wie wichtig wir Mäuse sind?“ fragte sie.

 

Ich seufzte. „Ja, ja, schon gut. Ich lasse dir deine Würmer und Insekten.“

Zum Glück hörte niemand zu. Man hätte mich wohl für verrückt erklärt – ein Mann, der mit Mäusen spricht.

 

Ich betrat mein Haus durch das Garagentor. Der Nebel blieb draussen. Die Stille drinnen war wohltuend.

 

Schokoladenmäuse


Und doch stellte sich die Frage: Könnte der Mensch sich wirklich von Mäusen ernähren?

Ein 98-Kilo-Mensch bräuchte 10'878 Kilo Nahrung – also über eine halbe Million Mäuse. Ein absurder Gedanke. Unmöglich, ohne Wahnsinn zu verfallen.

 

Nein, die Lösung ist süsser, einfacher – und weit angenehmer.

Ich habe mir ein Paket Schokoladenmäuse von Mund gekauft. Herrlich „schoggig“, gefüllt mit gelbem, silbernem, blauem oder rosafarbenem Fondant, jede in glänzendes Stanniol gewickelt. Auf der Lehne meiner Sitzgruppe reihe ich sie auf, als warteten sie auf ihren Auftritt.

 

Während der Tagesschau schmilzt die erste auf meiner Zunge. Der Fondant entfaltet sich, warm, süss, tröstend. Mit jeder Maus löst sich der Tag auf, das Grau draussen, die Zahlen im Kopf – und die rostige Laubsäge schweigt endlich.

Ich greife nach der nächsten Maus.

 

Was wäre die Welt nur ohne Schweizer Schokolade?

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